Die Almequellen

Das Naturschutzgebiet Mühlental mit den Almequellen ist von seltener landschaftlicher Schönheit. Am Nordhang des Briloner Massenkalks treten im Almequellteich 104 Karstquellen zutage.

Durch das kühle kalkhaltige Wasser der Almequellen konnte sich eine subarktische Reliktgesellschaft mit dem Pyrenäen-Löffelkraut (Cochleria pyrenaica) bilden und aus der letzten Eiszeit bis heute überdauern. Zusammen mit dem Bitteren Schaumkraut (Cardamine amara) schmücken sie mit ihren weißen Blüten im Frühjahr die Uferbereiche der vielen Rinnsale und prägen so das Bild der Almequellen und der Moosspringquellen zu dieser Jahreszeit.

Die sehr seltene Pyrenäen-Löffelkraut-Gesellschaft (Cochleario pyrenaicae-Cratoneuretum commutati), an der das Starknervmoos (Cratoneuron commutatum) auch namengebend beteiligt ist, ist auf Kalkquellen des Berglandes in Nord- und Mitteleuropa beschränkt. In Deutschland kommt das Pyrenäen-Löffelkraut nur noch im Alpenvorland, in Franken, in der Rhön und im Jagsttal bei Rothenburg o. d. Tauber vereinzelt vor. Somit ist das Almer Vorkommen das mit Abstand am nördlichsten gelegene in Deutschland.

Die Liste der auffälligen Schönheiten lässt sich weiter fortführen. Hier sei noch der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) erwähnt, der im Spätsommer in den Hochstaudenbereichen zwischen Mädesüß (Filipendula ulmaria) und dem seltenen Sumpf-Storchschnabel (Geranium palustre) durch die tiefblauen Blüten beeindruckt.

Betrachten wir die Bilder der Almequellen aus vergangenen Zeiten mit denen von heute, so bemerken wir deutliche Unterschiede. Wo früher noch Rinder auf den Wiesen und Weiden an der Alme standen, haben sich Gebüsche aus Schlehen (Prunus spinosa), Wildrosen (Rosa spec.) und Weißdorn (Crataegus laevigata) breit gemacht.

Das sich oberhalb der Quellen fortsetzende Mühlental mit seinen steilen Böschungen und Felswänden, seinen besonderen Waldgesellschaften und alten Baumbeständen ist ebenso sehr reizvoll.

Durch den schluchtartigen Charakter des Mühlentales entsteht im Tal und im unteren Bereich der Nordhänge ein feuchtkühles Klima. In diesen Bereichen haben sich so genannte Schluchtwälder entwickelt, die sich unter anderem neben der Rotbuche (Fagus sylvatica) aus den Baumarten wie Bergahorn (Acer pseudoplatanus), Esche (Fraxinius excelsior), Bergulme (Ulmus glabra) und Sommerlinde (Tilia platyphyllos) zusammensetzen.

Auf der linken Hangseite können wir in der Krautschicht als Raritäten das Silberblatt (Lunaria rediviva) und den Gelappten Schildfarn (Polystichum aculeatum) antreffen. Diese Gesellschaft erreicht in Alme ebenfalls seine nordwestlichste Verbreitung in Mitteleuropa. Hauptsächlich sind die Schluchtwälder auf die Hochlagen beschränkt. So ist das Silberblatt, das im Herbst durch die silber glänzenden Fruchtstände schon von Weitem auffällt, in Westfalen nördlich von Alme nicht mehr zu finden. Ein weiterer Farn, der Lanzen-Schildfarn (Polystichum lonchitis) hat sich an einer Stelle des Mühlentales, im Bereich der Franzosentreppen, in einem Bestand von etwa 20 kleinen Stöcken angesiedelt, obwohl er, als alpine Art eigentlich nicht in unseren Breiten zu erwarten ist. Es ist hier das einzige Vorkommen in Nordrhein-Westfalen. An den hoch aufragenden Felsenstandorten in schattiger Lage treffen wir den Tüpfelfarn (Polypodium vulgare ggg.) und den Zerbrechlichen Blasenfarn (Cystopteris fragilis) an. Hier wachsen sie an ihrem natürlichen Standort. Als Ersatzstandorte haben sie sich auch an Mauern ausgebreitet. An den offenen, sonnenbeschienenen und somit recht trockenen Felsbereichen, wie zum Beispiel am Uhufelsen haben sich weitere Farne angesiedelt, der kleinwüchsige Braunstielige Streifenfarn (Asplenium trichomanes) und die Mauerraute (Asplenium ruta- muraria). Auf den Felsköpfen, in den flacheren Felsbereichen und auf Felsbändern befindet sich das Blaugras (Sesleria albicans) zusammen mit dem Zusammengedrückten Rispengras (Poa compressa) und dem Schafschwingel (Festuca guestfalica). Als Seltenheit für Westfalen wächst ebenfalls in den Felsbereichen ein kleiner Strauch, die Zwergmispel (Cotoneaster integerrimus). Sie erreicht in Alme die nordwestliche Verbreitungsgrenze für Mitteleuropa. Das Leberblümchen (Hepatica nobilis) mit seinen lederartigen Blättern und den zarten, hellvioletten Blüten erreicht in Alme die nordwestliche, mitteleuropäische Verbreitungsgrenze.

Wesentliche hydrologische Erkenntnisse betreffend der Almequellen verdanken wir den Überlegungen, während der Zeit des Nationalsozialismus die Wasserversorgung der Waffenschule der SS auf der Wewelsburg aus dem Alme-Teich sicherzustellen, da im Haarstranggebiet, in dem Wewelsburg liegt, die hydrologischen Bedingungen für eine Grundwassererschließung im größeren Rahmen nicht ausreichten.

Die Anlage des Quellteichs, wie wir sie heute sehen, ist nicht natürlich. Der gesamte Abfluß aller Quellen wird unterhalb der Quellen aufgestaut und über den sogenannten Obergraben der damaligen Papierfabrik zugeleitet. Dieser Anstau führt zu einem Überstau fast aller Quellen des Alme-Teichs.

Für die vorstehend erwähnten umfangreichen Untersuchungen mußte der Wasserspiegel des Alme-Teichs durch die Beseitigung des Anstaus völlig abgesenkt werden. Um die Einzelquellen freizulegen, mußte darüber hinaus die vorher überstaute Fläche vollständig von Wasserpflanzen gereinigt werden.

Die Erklärung für unsere Quellandschaft findet sich in den geologischen Verhältnissen der angrenzenden Briloner Hochfläche, die als Massenkalk innerhalb des Rheinischen Schiefergebirges liegt. Die Briloner Hochfläche besteht aus klüftigem devonischen Massenkalk, der vor 350 Millionen Jahren abgelagert wurde. Der Kalk schichtete sich im Devonmeer durch die Schalen der Korallen, die in großen Mengen im Wasser lebten, ganz allmählich auf und erreichte Stärken von 600 bis 1.400 m. Das konnte natürlich nur über einen Zeitraum von mehreren Millionen von Jahren geschehen.

Der Massenkalk enthält 98 bis 99 % reinen Kalk, so kommt es, daß die Briloner Hochfläche noch klüftenreicher ist, als die Paderborner Hochfläche. Infolgedessen läßt sie das Niederschlagswasser noch stärker und in größere Tiefe absinken. So wird die gesamte Briloner Hochfläche fast ausschließlich unterirdisch entwässert.

Der Briloner Massenkalk ist das Ursprungsgebiet der Flüsse Möhne und Alme. Beide Flüsse entspringen am Nordrand und fließen nach Nordwesten bzw. nach Norden ab. Sie gehören zum Stromgebiet des Rheins. Die südlich des Massenkalks verlaufende Hauptwasserscheide trennt die Hauptstromgebiete von Rhein und Weser. Der südlichste Zipfel des Massenkalks entwässert über die Hoppecke zur Diemel und zur Weser.

Das nackte Gestein tritt an zahlreichen Kalkkuppen am Südrand der Hochfläche sowie in dem tief eingeschnittenen Almetal und dem Immental zutage. Hier oberhalb der Almequellen erreichen die Felsbildungen Höhen von mehreren 10 m und verleihen dem engen Tal einen gewissen Schluchtcharakter.

Auf der Kalksteinoberfläche sind keine oberidischen Gewässer zu finden. An den Rändern des Massenkalks versickern die Oberflächengewässer, sobald sie die schiefrigen Gesteine, die den Massenkalk umgeben, verlassen. Diese Stellen, an denen die kleinen Bachläufe im Untergrund verschwinden, werden als Bachschwinden oder Schwalglöcher bezeichnet.

Im Untergrund vereinigen sich die einzelnen Oberflächenwasserzuflüsse mit den Niederschlägen, die auf die Kalksteinfläche fallen und dort versickern.

Unter dieser Karsthochfläche befindet sich gewissermaßen eine unterirdische Talsperre. Sie besitzt in dem Briloner Schiefer unter dem Massenkalk einen wasserdichten Boden und erfährt in den verschiedenen devonischen oder karbonischen Schieferschichten eine ringförmige wasserundurchlässige Sperrmauer. Hier bei unserm Dorf Alme liegt mit 325 m NN der tiefste Punkt der Schiefersperrmauer. Das ist die von der Natur geschaffene Stelle, an der das Wasser überlaufen muß. Deswegen nennt man diese Art der Quellen auch Überlaufquellen.

Zusammen mit den ca. 500 m östlich gelegenen Moosspringquellen gehören beide Quellgruppen zum Zentralteil des Briloner Massenkalks. Der Alme-Teich ist, wie bereits erwähnt, durch den Anstau kaum noch als natürliche Quellgruppe zu erkennen, da jetzt die meisten Quellen auf dem Grund des künstlichen Teiches entspringen. Die südlichste und die nördlichste Quelle liegen über 260 m auseinander. Zwischen ihnen besteht ein Höhenunterschied von 2,1 m (+ 320,5 m NN bis 322,6 m NN). Insgesamt wurden 104 Quellen gezählt, wobei die südlicheren, höher gelegenen Quellen in den Sommermonaten bei sinkendem Grundwasserspiegel trockenfallen.

Die meisten der festgestellten Quellen entspringen am Ostufer in einer Rinne parallel zum Steilhang.

Die Schüttung der Quellen wurde 1972 mit Werten zwischen 154 l/s und 189 l/s je nach Quelle ermittelt, wobei eine Quelle mit 6 l/s sicherlich als Ausnahme anzusehen ist.

Das unterirdische Einzugsgebiet der Alme- und der Moosspringquellen wird mit 55,59 qkm angenommen, wovon 44,14 qkm auf den Massenkalk entfallen. Bei den verbleibenden Flächen handelt es sich um die schiefrige Umrandung des Massenkalkgebietes.

Das Wasser der beiden Quellengruppen Alme und Moosspring weist über das ganze Jahr hin eine nahezu konstante Temperatur auf. Diese ist jedoch bei einzelnen Quellen verschieden. So liegen hier im Mühlental oberhalb der ehemaligen Papiermühle Quellen mit einer Temperatur von 8,2 Grad neben solchen von 11,3 Grad. Im Moosspring beträgt die Temperatur der kältesten Quelle 9,7 Grad und die der wärmsten 11,4 Grad. Diese Ergebnisse stammen aus den umfangreichen Untersuchungen der Geologen Anfang der 30er Jahre. Die unterschiedlichen Quelltemperaturen weisen darauf hin, daß die Almequellen nicht von einem einheitlichen Grundwasserstrom gespeist werden, sondern daß das Wasser in voneinander getrennten Klüften und Röhren fließt. Die Gleichmäßigkeit der Wassertemperaturen läßt vermuten, daß sich das Wasser in einer Tiefenzone bewegt, die von jahreszeitlich wechselnden Temperaturen an der Oberfläche unabhängig ist. So machen sich auch starke Niederschläge auf der Briloner Hochfläche, dem Einzugsgebiet der Quellen, erst nach Tagen in einer erhöhten Schüttung bemerkbar.

Hier ein Video mit Impressionen aus dem Quellgebiet (Quelle: Youtube)

 

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